Landmann, 12-jähriger Warmblutwallach
Anamnese
Landmann ist ein 12-jähriger Hannoveraner Warmblutwallach. Er steht in einem Pensionsstall mit täglichem Weide-bzw Paddockgang in einer großen Herde und wird 4-5mal pro Woche geritten. Die Besitzerin hat ihn vor 1 Jahr aus einem Schulbetrieb gekauft, seitdem ist Landmann immer mal wieder in der Hinterhand lahm gewesen. Er ist vor einem halben Jahr bereits osteopatisch behandelt worden, wonach sich die Lahmheiten besserten, jedoch nie ganz verschwanden oder schnell wieder auftraten. Der Tierarzt hat bei seiner Untersuchung und der röntgenologischen Untersuchung der Hinterhand keinen Befund ausmachen können.
Als mir Landmann vorgestellt wird, zeigt er beim Reiten deutliche Widersätzlichkeiten. Er verkriecht sich beim Reiten hinterm Zügel, buckelt und geht gegen die Hand. Außerdem schlägt er im Stall öfter gegen die Boxenwand und zeigt beim Reiten keinen Vorwärtsdrang.
Sicht-Tastbefund
Die Hinterhand ist überbaut und die Halswirbelsäule (HWS) zeigt im Übergang zur Braustwirbelsäule (BWS) einen deutlichen "Axthieb". Das Becken zeigt einen Hochstand auf der linken Kruppenseite.
Die Zehen beider Vorderhufe sind deutlich zu lang.
Landmann hat eine stark verspannte Schulter- und Lendenmuskulatur. Es zeigt sich eine deutliche Tonuserhöhung in der Oberlinie und dem Nackenband. Außerdem hat er starke Verspannungen in der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur und des gesamten langen Rückenstreckers.
Ganganalyse
Im Schritt zeigt Landmann wenig Bauchpendeln nach rechts und kaum Nickbewegungen des Kopfes. Der Schweif ist in Schiefstellung nach rechts und die Kruppe senkt sich links nicht ab (was ein Hinweis auf eine starke Verspannung der gesamten rechten Rückenmuskulatur). Die Hinterhand ist insgesamt fest und steif und es zeigt sich eine Entlastung des linken Vorderbeines, die sich im Trab noch verstärkt. Außerdem ist eine deutliche Bewegungseinschränkung in beiden Karpalgelenken mit einer Steifigkeit in beiden Vorderbeinen und eine festgehaltene Schulterpartie auffallend.
Im Trab ist die Hinterhand auf beiden Händen schleifend und eine Tritteverkürzung im rechten Hinterbein deutlich.
Das Angaloppieren fällt Landmann deutlich schwer und gelingt ihm nur über Anspannen der Oberlinie verbunden mit einem Hochreißen des Kopfes. Auch hier ist die Hinterhand sehr unbeweglich und die Galoppade insgesamt kurz und nicht im 3-Takt.
Untersuchung der Gelenke
In der Vorderhand hat Landmann eine deutliche schmerzhafte Bewegungseinschränkung beider Karpalgelenke in Beugung, wobei er sich bei der Untersuchung auch sehr widersätzlich zeigt. Außerdem steht die linke Schulter im Hochstand (superior).
Im linken Hinterbein ist die Beugung des Sprunkggelenkes schmerzhaft eingeschränkt. Im rechten Hüftgelenk sind Innen-und Außenrotation vermindert. Das Darmbein (os Ileum) steht auf der rechten Seite in einer vorgekippten Stellung (anterior).
In der HWS ist der Übergang zur BWS (cervico-thorakaler-Übergang kurz CTÜ) in Beugung eingeschränkt. Außerdem hat Landmann eine Blockade des 4. Halswirbels nach rechts und eine Blockade des 2. Lendenwirbels nach links.
Fazit
Die Kruppe ist überbaut, so ist es zunehmend schwierig das Pferd in der Hinterhand zu aktivieren, da das Untertreten schwerer fällt als bei einer "normalen" Kruppe. Also kommt es durch die überbaute Kruppe zu einer vermehrten Schubbelastung in die Schulterpartie und den Brustkorb. Dadurch verspannen sich die schulterumgebenden Muskeln, der Brustkorb (Thorax) senkt sich ab und wird in den Rippengelenken in Streckung (Extension) fesgehalten. Durch die einsetzende Verspannung des Rückenstreckers und des Thorax werden die Beugemuskeln der Vorderbeine mitbetroffen und die Beweglichkeit wird schmerzhaft und vermindert sich mit der Zeit. Die Verspannungen setzen sich im Verlauf des langen Rückenstreckers auf die anderen Teile der Wirbelsäule fort und es kommt zur Beeinträchtigung der Beweglichkeit der Hinterhand mit nachfolgenden Blockaden in Becken und LWS. Durch die unelastischen Wirbelsäulenabschnitte kommt es zu einer vermehrten Belastung der kleineren Gelenke wie Knie- und Sprunggelenk, wodurch sich die wechselnden Lahmheiten erklären lassen.
Außerdem haben die langen Zehen die Beugemuskeln zusätzlich strapaziert und das Bein "von unten her" auch noch verspannt.
Die Bewegungen werden schmerzhaft und das Pferd beginnt klamm und nachfolgend lahm zu gehen.
Der Sattel wird inspiziert und es stellt sich heraus, dass dieser die Schulterfreiheit in der Bewegung deutlich einschränkt. Dies ist ein wichtiger zusätzlicher Auslöser für die Probleme, die Landmann zeigt.
Die vorhergehenden Behandlungen zielten immer auf die Lahmheit in der Hinterhand, wo jedoch kein eindeutiger Befund vorlag. Der eingeschränkte CTÜ war jedoch der Hauptverursacher, der jedoch kaum beachtet wurde.
Therapieansatz
Die verspannten Muskelgruppen in Schulter, Wirbelsäule und Hinterhand werden mittels Massagen und Dehnungen entspannt (detonisiert). Danach werden die blockierten Gelenke der HWS und LWS gelöst. Am allerwichtigsten ist die Mobilisierung des CTÜ in Beugung (Flexion), damit die gesamte Wirbelsäulenbeweglichkeit wieder hergestellt werden kann.
Der Sattel muß unbedingt ausgetauscht werden, da er den Bewegungsablauf des Pferdes deutlich stört. Der Hufbeschlag muß dahingehend korrigiert werden, dass die Achsen in allen Gelenken gleichmäßig laufen und dadurch die vermehrte Durchtrittigkeit der Sehnen und Belastung der Beuger verschwinden.
Anschließend muß Landmann wieder im Training an die vermehrte Bewegung der Hinterhand herangeführt werden. Dies geschieht durch viele Tempounterschiede innerhalb einer Gangart, sowie Übergänge von einer zur anderen Gangart kombiniert mit Seitwärtsgängen wie Schenkelweichen und Schulter-Herein, um die untere Muskelkette zu aktivieren und die Hinterhand zum Untertreten zu motivieren.
Außerdem ist regelmäßiges, rückenschonendes Longieren, später auch über Stangen, angezeigt, was auch im späteren Alltag konsequent eingebaut werden muß. Ebenso sind Geländeausritte mit Bergauf-und Bergabpassagen zu empfehlen und regelmäßige Spaziergänge ohne Reitergewicht.
Therpieverlauf
Landmann wurde von mir behandelt und der Besitzerin wurden bestimmt Dehnungs-und Mobilisierungsübungen gezeigt, die sie regelmäßig nach dem Bewegen durchführen mußte.
Landmann wurde von ihr in den ersten Tagen lediglich geführt, später auch longiert. Nach 2 Wochen wurde er mir erneut vorgestellt. Die Beugung in den Karpalgelenken hatte sich deutlich verbessert, die Muskulatur war nicht mehr so verhärtet und Landmann war deutlich motivierter. Die schleppende Hinterhand und der Takfehler rechts sowie die Beugung in den Sprunggelenken waren ebenfalls verbessert. Außerdem zeigte Landmann bei der Untersuchung der Karpalgelenke nicht mehr so schmerzhafte Reaktionen.
Jedoch zeigte sich eine erneute Blockade im zweiten Lendenwirbel und noch eine Restsymptomatik im 6. Halswirbel nach links. Diese wurden von mir erneut gelockert.
Die Besitzerin fing danach an, den Wallach mit einem anderen Sattel wieder zu reiten. Landmann ging von Anfang an motiviert und freudig voran. Die Belastung wurde kontinuierlich vorsichtig gesteigert und nach weiteren 4 Wochen war ein gutes Ergebnis erzielt, das die Besitzerin und Landmann zufrieden stellte.
Die überbaute Kruppe kann dem Pferd nicht genommen werden, diese wird immer sein Schwachpunkt bleiben. Umso wichtiger ist es, kleinste Unregelmäßigkeiten sofort durch erneutes Lockerreiten und Dehnungen zu beheben und so solchen starken Verspannungen, die Landmann über recht lange Zeit aufgebaut hat und ihn zunehmend in seiner Beweglichkeit gehemmt haben, entgegenzuwirken.
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Katja Bachmann
