Mieke, 3-jährige Hannoveranerstute

 

Anamnese

 

Mieke wird mir von ihrer Züchterin vorgestellt. Mieke steht auf der eigenen Anlage der Besitzerin wo sie auch angeritten wurde. Sie steht in einer Box und geht regelmäßig mit einer gleichaltrigen Stute auf die Weide oder Paddock und war noch nie zuvor krank gewesen. Bevor die jungen Pferde dort an die Arbeit genommen werden, werden die Zähne und Gelenke routinemäßig kontrolliert. Dies alles war bei Mieke ohne Befund.

 

Mieke wurde schonend und mit viel Geduld anlongiert und und seit kurzer Zeit geritten. Dabei machte sie nie nennnenwserte Probleme. Seit ca 2 Wochen zeigt Mieke einen deutlichen Taktfehler auf der rechten Vorderhand. Der Verdacht auf Sehnenprobleme hat sich bei der Untersuchung durch den Tierarzt nicht bestätigt. Ebenso blieb eine Röntgenuntersuchung ohne Befund.

 

 

Sicht-Tastbefund

 

Mieke hat eine verspannte Halsmuskulatur besonders im Übergang zur Brutswirbelsäule. Der Tonus der Schultermuskulatur auf der linken Seite ist deutlich erhöht. Das Becken zeigt eine Erhöhung auf der linken Seite. Auffällig ist eine Berührungsempfindlichkeit in der Genickregieon.

 

 

Ganganalyse

 

Im Schritt hält Mieke den Schweif nach links. Der Bauch pendelt nicht nach links und das Kopfnicken zeigt eine Entlastung der rechten Vorderhand. Außerdem senkt sich das Becken auf der linken Seite nicht ab.

 

Im Trab zeigt sich eine deutliche Taktstörung auf der rechten Vorderhand, die sich auf der rechten Hand noch verstärkt. Die Hinterhand tritt gut unter.

 

Im Galopp zeigt sich Mieke auf der rechten Hand widersätzlich, auf der linken Hand fällt sie des öfteren aus. Die Schulteraktivität ist auf der linken Hand eingeschränkt.

 

 

Untersuchung der Gelenke

 

DIe Untersuchung der Extremitäten zeigt eine leichte Einschränkung des linken Schultergelenks in Streckung (Extension) und Außenrotation. Ansonsten sind die Gelenke in Bezug auf Ausmaß und Endgefühl bei Mieke locker, wie es zu erwarten war bei einem jungen Pferd.

 

Die Halswirbelsäule (HWS) zeigt einen Schiefstand des ersten Halswirbels (Atlas) nach rechts unten. Die Seitneigung der HWS ( Lateralflexion) ist nach links deutlich eingeschränkt. Außerdem zeigt sich eine Bewegungseinschränkung des Überganges zur Brustwirbelsäule (BWS) zwischen C6/7 und Th1/2 nach rechts.

 

In der Lendenwirbelsäule (LWS) hat Mieke eine Bewegungseinschränkung in die Seitneigung ( Lateralflexion) nach rechts.

 

 

Fazit

 

Die Blockaden in der HWS waren vermutlich schon zu Beginn von Miekes Ausbildung vorhanden ( die Ursache dafür kann man bei jungen Pferden, die mit viel Freilauf und Bewegungsmöglichkeiten aufwachsen nicht immer nachvollziehen). Ohne Belastung kam Mieke damit auch sehr gut zurecht. Bei Aufnahme der Arbeit und somit Belastung der einzelnen Strukturen traten mit der Zeit die beschriebenen Probleme auf. Dabei zeigt sich ein absteigende Kette vom blockierten Atlas (Ursache) bis in die Vorderhand (Symptom). Die verspannte Lenden-und Krppenmuskulatur (Beckenhochstand links) und die Schweifschiefhaltung sind lediglich als Kompensationsmechanismus zu betrachten.

 

Der Atlas ist blockiert und zeigt eine Tiefstellung nach rechts. Somit ist die Bewegung der oberen HWS eingeschränkt. Um denKopf gerade zu halten spannen sich die linken Halsmuskeln vermehrt an. Der Ausweichmechanismus ist eine Verkrampfung der Schultermuskulatur mit einer folgenden Bewegungseinschränkung im Übergang zur BWS und schlußendlich die Lahmheit vorne rechts, die mit einer verkrampften linken Seite mit Verkürzungen der Bewegungen einhergeht.

 

Wäre Mieke mit ihrer Problematik weiter geritten worden, z.B. mit zu härterer Hand, wären in den anderen Wirbelsäulenabschnitten weitere Blockaden und in anderen Muskelbereichen weitere Verkrampfungen dazu gekommen. Durch das zeitnahe Reagieren der Besitzerin konnte dieses verhindert werden.

 

 

Therapieansatz

 

Lockerung der verkrampften Hals-und Schultermuskulatur anschließende Deblockierung des Atlas, Mobilisation des Übergangs von HWS zur BWS. Detonisierende Massage der Lenden -und Kruppenmuskulatur.

 

Anleitung der Besitzerin zur Massage und Dehnung der betroffenen Muskelpartien.

 

 

Therapieverlauf

 

Nach der ersten Behandlung, bei der Mieke sehr artig war (3-Jährig!) war der Taktfehler rechts komplett verschwunden. Die Restsymptomatik bestand in einem etwas verkürzten Bewegungsausmaßin der linken Schulter.

 

Nach 10 Tagen wurde mir Mieke noch einmal vorgestellt. Der Atlas war immer noch in der korrigierten Position, der Übergang HWS-BWS war deutlich beweglicher. Die Muskulatur wies noch geringe Verhärtungen auf, die in einer zweiten Behandlung behoben wurden.

 

Nach dieser 2. Behandlung waren alle Taktsörungen und Ungleichheiten im Bewegungsmuster in allen drei Gangarten verschwunden und Mieke konnte weiter auf ihrem Weg zum Dressurpferd ausgebildet werden.

 

Bemerkung:

 Die Probleme, die Mieke hatte, könnten ebenso durch Kiefergelenksprobleme die durch Zahnprobleme hervorgerufen werden, ausgelöst werden. Deshalb ist es sehr wichtig, vor Beginn der Arbeit junger Pferde diese von einem Dentisten untersuchen zu lassen, um dem Pferd nicht unrecht zu tun. Ebenso hätten ein zu schnelles Anreiten (zu schnell zu viel) oder ein Reiten mit fester Hand, die Ursache sein können. Deshalb ist es immens wichtig, bei jungen Pferden besonderen Wert auf die schonende Grundausbildung zu legen. Einmal verdorben lässt ein Pferd oft nicht mehr die Harmonie in der Bewegung zu, und das Grundvertrauen zwischen Reiter und Pferd kann für immer gestört bleiben.